Eine ältere Frau versorgt einen Mann zuhause.
03.09.2026 4 Min. Lesezeit
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Pflege neu denken: Niedersachsen startet erste „Gemeinsame Modellvorhaben“

Wie kann Pflege auch in Zukunft wohnortnah, verlässlich und gemeinsam organisiert werden? Zwei niedersächsische Landkreise gehen jetzt neue Wege: In der Grafschaft Bentheim und im Emsland starten die ersten „Gemeinsamen Modellvorhaben“ zur Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung. Im Mittelpunkt steht ein Ansatz, der professionelle Pflege, Angehörige, Ehrenamt und Nachbarschaft stärker miteinander vernetzt.

Pflege findet vor allem dort statt, wo Menschen leben: zu Hause, im Dorf, im Quartier. Damit das auch bei steigenden Anforderungen an die pflegerische Versorgung gelingt, braucht es mehr als einzelne Unterstützungsangebote. Entscheidend ist, dass die verschiedenen Akteurinnen und Akteure gut zusammenspielen – von Pflegediensten und Arztpraxen über Angehörige bis hin zu ehrenamtlichen Helfenden und der Nachbarschaft.

Genau hier setzen die ersten „Gemeinsamen Modellvorhaben“ nach § 123 SGB XI in Niedersachsen an. Die Landkreise Grafschaft Bentheim und Emsland haben vom Land Niedersachsen und den Pflegekassen grünes Licht für ihre Projekte erhalten. Der Start ist zum 1. September 2026 erfolgt.

Pflege auf mehrere Schultern verteilen

Das Ziel: Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen sollen besser durch das komplexe System aus Pflege, Medizin und sozialen Unterstützungsangeboten begleitet werden. Dafür werden bestehende Strukturen weiterentwickelt und miteinander verknüpft.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Case- und Care-Management. Expertinnen und Experten koordinieren individuelle Unterstützungsangebote und bringen die verschiedenen Beteiligten zusammen. So sollen Versorgungslücken, unnötige Parallelstrukturen und Informationsverluste vermieden werden.

„Fachkräfte, Angehörige und die Nachbarschaft kümmern sich so gemeinsam um die Menschen, die Hilfe benötigen“, erklärt Sozialminister Dr. Andreas Philippi.

Aus seiner Sicht kann die Verbindung unterschiedlicher Versorgungsangebote ein Modell für die Zukunft sein.

Vom Modellprojekt zur sorgenden Gemeinschaft

Die beiden Landkreise verfolgen dabei das Konzept sogenannter „Connected Caring Communities“ – also sorgender Gemeinschaften. Professionelle Unterstützungsangebote werden mit ehrenamtlichem Engagement und Strukturen im direkten Lebensumfeld verbunden.

Dabei geht es nicht allein um Pflege. Die Modellvorhaben erproben auch neue Ansätze zur Gesundheitsförderung, zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements und zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Eine weitere Säule ist die Digitalisierung: Eine spezielle Software soll künftig dabei helfen, Versorgungsangebote besser zu koordinieren und eine integrierte Pflege- und Sozialplanung aufzubauen.

Mehr als 36.000 Pflegebedürftige können profitieren

Die beiden Modellvorhaben haben eine große Reichweite: In der Grafschaft Bentheim leben mehr als 11.000 pflegebedürftige Menschen, im Emsland rund 25.750. In beiden Landkreisen wird jeweils mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen zu Hause von An- und Zugehörigen versorgt – ohne Unterstützung durch einen Pflegedienst.

Gerade für diese häuslichen Pflegearrangements können gut vernetzte Unterstützungsstrukturen eine wichtige Rolle spielen. Angehörige sollen leichter die passende Hilfe finden, während professionelle und ehrenamtliche Angebote besser aufeinander abgestimmt werden.

Niedersachsen fördert innovative Pflegekonzepte

Die beiden Projekte sind Teil einer landesweiten Förderung: Niedersachsen und die Pflegekassen stellen gemeinsam Mittel für „Gemeinsame Modellvorhaben“ bereit. Gefördert werden innovative Ansätze, die die Lebensqualität von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen verbessern und die pflegerische Versorgung vor Ort weiterentwickeln.

Das Land Niedersachsen stellt dafür in den kommenden Jahren jährlich gut zwei Millionen Euro bereit. Die gesetzlichen und privaten Pflegekassen beteiligen sich mit Mitteln in gleicher Höhe. Alle geförderten Projekte werden wissenschaftlich begleitet. So soll untersucht werden, welche Ansätze tatsächlich Wirkung zeigen und sich möglicherweise auf die Regelversorgung übertragen lassen.

Unterstützt werden die Kommunen außerdem durch das Projektbüro Komm.Care, das bei der Entwicklung und Umsetzung entsprechender Vorhaben berät. Ziel ist es, die Pflegeplanung in den Kommunen weiterzuentwickeln und neue, vernetzte Versorgungsmodelle auf den Weg zu bringen.

Gute Erfahrungen als Ausgangspunkt

Dass die Grafschaft Bentheim und das Emsland nun zu den ersten Modellregionen gehören, kommt nicht von ungefähr. Beide Landkreise haben bereits im Rahmen des Projekts „Regionales Pflegekompetenzzentrum“ (ReKo) Erfahrungen mit dem Case- und Care-Management gesammelt.

Die Evaluation des 2019 gestarteten Projekts zeigte unter anderem: Die Beratungszahlen stiegen, die Versorgung wurde sicherer und bedarfsgerechter und viele Pflegebedürftige konnten länger zu Hause leben. Auf diesen Erfahrungen bauen die neuen Modellvorhaben nun auf – und entwickeln den Ansatz zu einem umfassenden Konzept weiter, das möglichst viele Beteiligte der lokalen Versorgung miteinander verbindet.

Damit wird aus einzelnen Angeboten ein gemeinsames Netzwerk. Und genau darin könnte ein wichtiger Baustein für die Pflege der Zukunft in Niedersachsen liegen: Dort, wo Menschen leben, sollen auch die passenden Unterstützungsangebote zusammenkommen – koordiniert, vernetzt und getragen von vielen Schultern.

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