Blick über das Publikum auf die Bühne des NiedersachsenForum 2025
02.10.2025 6 Min. Lesezeit
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Niedersachsenforum 2025: Altersarmut mitdenken – Verantwortung gemeinsam tragen – Zukunft aktiv gestalten

Am 8.9.2025 veranstaltete die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V. gemeinsam mit LINGA – Landesinitiative Niedersachsen Generationengerechter Alltag und der Stadt Braunschweig das 33. Niedersachsen-Forum „ALTER UND ZUKUNFT“. Über 130 Expert*innen, Praktiker*innen und interessierte Bürger*innen kamen nach Braunschweig, um Strategien und kommunale Handlungsoptionen gegen Altersarmut zu entwickeln. Das Ziel: Ein würdevolles Leben im Alter für alle!

Die Veranstaltung wurde eröffnet von Dr. Christina Rentzsch, Sozialdezernentin der Stadt Braunschweig, sowie mit einem Videogrußwort von Dr. Andreas Philippi, Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. Dabei wurde deutlich: In Niedersachsen gilt jede fünfte Frau über 65 Jahre als armutsgefährdet. Verbunden mit der Gefahr von Einsamkeit sowie dem Gefühl von „Ich gehöre nicht mehr dazu“ senkt die soziale Isolation die Lebenserwartung. Bedingt durch körperliche Einschränkungen und Erkrankungen summiert sich Armut zusätzlich im Alter. Kommunen müssen Türen öffnen und neue Wege zur Teilhabe und Beteiligung eröffnen. Daher seien Veranstaltungen wie diese so wichtig, zeigen sie doch neue Handlungsmöglichkeiten auf – für ältere Menschen und kommunale Stakeholder!

Keynote von Prof. Dr. Antonia Brettschneider (Technische Hochschule Köln) vor rund 1330 Teilnehmenden | Bild: LVG

In seiner anschließenden Keynote beleuchtete Prof. Dr. Antonio Brettschneider (Technische Hochschule Köln) Ursachen und Folgen von Altersarmut sowie das Trilemma des Rentensicherungssystems. Der Blick in die Statistik zeigt: Altersarmut betrifft nicht alle Frauen gleichermaßen, besonders gefährdet sind Frauen mit Migrationshintergrund. Kommunale Angebote sollten daher das Wording beachten und auch die Angehörigen (Söhne, Töchter) miteinbeziehen. Wichtig sei in jedem Fall neben Presse, Internet und Flyern auch die persönliche Ansprache im Quartier und das sich Kümmern seitens der Kommunen in Ergänzung zu bürgerschaftlichen Engagement.

Gut besucht waren auch Braunschweiger Initiativen in der bunten Begleitausstellung: Von Rikscha-Fahrten der Bürgerstiftung Braunschweig für Senior*innen, über den Besten Resteschmaus des DRK, dem Verein AntiRost im Austausch von Jung und Alt, bis hin zu studentischen Ideen von der Technischen Universität Braunschweig gegen Einsamkeit wurden eine Vielzahl an Angeboten und Ideen präsentiert. Daneben stellten sich die Nachbarschaftshilfen Braunschweig, das Seniorenbüro der Stadt Braunschweig, der SoVD, der KulturSchlüssel Braunschweig sowie aus Hannover das Niedersachsenbüro Neues Wohnen im Alter mit ihren Angeboten vor.

In drei parallelen Foren wurden zudem sozial innovative Lösungsansätze diskutiert:

Forum 1 | Fairness und Zukunft: Kann nachhaltiges Verhalten soziale Ungleichheiten reduzieren?

LINGA-Projektleiterin Delia Balzer moderierte das Forum 1 und stellte vier Impulsgeber*innen die Frage: „Fairness und Zukunft: Kann nachhaltiges Verhalten soziale Ungleichheiten reduzieren?“. Alle haben die Antwort mit einem großen  „JA“ sowie einem kleinen  „aber“ beantwortet. Dr. Herbert Klemisch, ehemaliger Mitarbeiter des Wissenschaftsladens Bonn e.V. beleuchtete Armut in unterschiedlichen Konsumsektoren, wie Energie, Wohnen, Ernährung und stellte Genossenschaften als alternative Unternehmensform vor. Unter dem Motto „Was der Einzelne nicht vermag, vermögen Viele“ lautete der Appell: Hinein in den Konsumverein! Kleinere Genossenschaften als Organe der Selbstorganisation befinden sich im Aufwind und leisten ihren Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation in Richtung Nachhaltigkeit. Als Beispiele für ländliche Räume wurden Dorfläden und gemeinschaftlich getragene Gaststätten genannt. Gemeinschaftsgarten als Ort des Ankommens sowie der Integration durch Selbstermächtigung stellte Dr. Christa Müller, geschäftsführende Vorständin der Stiftung Anstiftung mit Sitz in München vor. Aber auch offene Werkstätten, Repaircafés oder Maker Space sind ressourcenorientierte Räume, die über die Anstiftung vernetzt und unterstützt werden. Alle eint, dass das Wissen für Alle zugänglich gemacht sowie das soziale Miteinander (über Kulturen und unterschiedliche Lebenswelten hinweg) gefördert wird. Aus Berlin stellte Gründer Sebastian Müller-Tiburtius den modularen Tauschschrank FINDUS vor. Im ansprechenden Design stellt der Tauschschrank eine Aufwertung im öffentlichen Raum dar und fördert durch das kostenlose Tauschangebot sowie einer integrierten Sitzbank das Miteinander im Kiez. Ein schöner, inklusiver Ort der Begegnung mit Nachhaltigkeit als soziales Prinzip. Ältere Menschen übernehmen zudem eine Schank-Patenschaft, so wird das Projekt gemeinsam getragen von den Menschen in der Nachbarschaft. Zu guter Letzt stellte Liza Wohlfart vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation aus Stuttgart frugale Innovationen von Bürger für Bürger vor. Im EU-Projekt FRANCIS wurden bereits zweimal im Rahmen von Open Innovation Challenges Ideen entwickelt, die einfach, gut, ansprechend und kostengünstig sind. Dabei bildet das Projekt die Brücke zwischen Hightech-Industriepartnern und privaten Erfinder*innen, bzw. Ideengeber*innen aus der Praxis. So erleichtert die Aufziehhilfe HOLLE nicht nur älteren Menschen das Bettenbeziehen, sondern auch dem Zimmerservice im Hotel. Und der kleine Geschirrspüler BOB kommt ganz ohne Wasseranschluss aus, in 20 Farben ist er nicht nur für einen kleinen Seniorenhaushalt eine kostengünstige Hilfe, sondern auch ein optischer Hingucker beim Campen.

Kooperationspartner mit Prof. Dr. Antonio Brettschneider (3 v.li.)
Kooperationspartner mit Prof. Dr. Antonio Brettschneider (3. v. li) | Bild: LVG

Forum 2 | Soziale Stadt- und Regionalentwicklung zur Reduktion von Armut und Verbesserung der Lebensqualität

Andrea Beerli vom Niedersachsenbüro Neues Wohnen im Alter/ FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e. V., Bundesvereinigung moderierte das Forum 2 zu “Soziale Stadt- und Regionalentwicklung zur Reduktion von Armut und Verbesserung der Lebensqualität“. Ihr Fazit: Gemeinschaftliches Wohnen hat einen sehr positiven Effekt auf die Lebensqualität im Alter. Ein großes Thema ist die Finanzierung und Realisierung von Wohnprojekten. Es gibt Modelle, die das Wohnen für Menschen mit geringen Einkommen bzw. ohne Vermögen möglich macht. Eine stärkere und zielgerichtete finanzielle Förderung für bezahlbaren Wohnraum ist hier wünschenswert. Johanna Klatt von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Soziale Brennpunkte Niedersachsen e. V. macht die Bedeutung von Gemeinwesenarbeit im Quartier deutlich. Sie unterstützen die Gründung lokaler Netzwerke. Die lokalen Strukturen sowie Anforderungen bzw. Bedürfnisse müssen aus ihrer Sicht in ein kommunales Handlungskonzept eingebunden werden. Sabine Querengässer-Taufmann, Schuldnerberaterin für Ronnenberg und Barsinghausen berichtete aus sozialen Schuldnerberatung für Senior*innen, da auch immer mehr ältere Menschen so viele Schulden haben, dass sie die Unterstützung einer professionellen Schuldnerberatung benötigen. Das Besondere an ihrem Angebot ist nicht nur die Zielgruppe, sondern der sozialräumliche Bezug. Der Ort für die Beratungsgespräche wird von den Betroffenen selbst ausgewählt: in der Beratungsstelle, zu Hause oder auch an einem anderen neutralen Ort.

Forum 3 | Teilhabe im Alter stärken: Innovative Ansätze gegen Armut und Isolation

Das Forum 3 „Teilhabe im Alter stärken: Innovative Ansätze gegen Armut und Isolation“ zeigte gute Beispiele von Nord nach Süd. Es präsentierten sich Saskia Landsiedel von Groschendreher, dem Kieler Bündnis gegen Altersarmut e. V., Barbara Schneider von Aktive Menschen Bremen e. V. / Bremer Tafel e. V., Annafee Voigt von Obstkäppchen – Altersarmut kommt uns nicht in die Tüte. Alle Projekte stellen eine Verbindung her zwischen Foodsharing, günstiges und gemeinsames Mittag- oder Abendessen, die gesunde Ernährung in einer „Tüte“ die nach Hause gebracht wird und dem persönlichen Kontakt. Zudem berichtete Nicolas Hilkenbach vom CariMobil – Mobiler Beratungsbus für soziale Beratung, Caritasverband Brilon e. V von einem aufsuchenden Beratungsangebot das im ländlichen Raum sehr gut angenommen wird.

Das Niedersachsen-Forum 2025 bot eine wichtige Plattform für Austausch, Vernetzung und neue Ideen für Kommunen und gemeinwohlorientierte Bürger*innen.

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