Die Bioökonomie als „Game Changer“: Das war das Nexus Bioeconomy RootCamp 2026
Wie wird aus einer guten Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell? Und was braucht es, damit biobasierte Innovationen nicht im Labor bleiben, sondern den Weg in die industrielle Praxis finden? Unter dem Leitgedanken, die Lücke zwischen Innovation und Anwendung zu schließen, kamen Startups, Wissenschaft, Landwirtschaft, Industrie, Finanzwirtschaft und Politik beim Nexus Bioeconomy RootCamp in Hannover zusammen.
Meet the right people, discuss about the right topics and move things forward
– mit diesem Anspruch eröffnete Moderatorin Eva Piepenbrock von top:agrar die Veranstaltung. Und genau darum ging es im Verlauf des Tages: weniger um die Frage, ob die Bioökonomie gebraucht wird, sondern darum, wie sie konkret vorangebracht werden kann.
Von der Transformation zur Umsetzung
Hans Henning Schuur, Managing Director des RootCamp, machte zu Beginn deutlich, worum es beim Nexus-Ansatz geht: Globale Lieferketten seien verwundbar, Abhängigkeiten müssten reduziert und Innovationen schneller in Investitionen und praktische Anwendungen übersetzt werden.
Auch Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay unterstrich die Dringlichkeit der Transformation bei seiner Keynote. Die zunehmenden Folgen des Klimawandels machten deutlich, dass Klimaschutz, Bildung und Nachhaltigkeit längst keine optionalen Themen mehr seien. Gerade die Bioökonomie könne dabei ein „Game Changer“ sein. Darüber hinaus biete Hannover mit seiner starken Wissenschafts- und Innovationslandschaft einen geeigneten Ort, um diejenigen zusammenzubringen, die diesen Wandel gestalten.
Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne lenkte den Blick anschließend auf die entscheidende Frage der Umsetzung: Es gehe nicht mehr darum, ob Bioökonomie gebraucht werde, sondern wie sie erfolgreich in die Praxis gebracht werden kann. Eine starke Forschungslandschaft, Innovationskraft und die enge Vernetzung der Akteur*innen seien wichtige Standortvorteile Niedersachsens, welche wiederum auf die neue Standortkampagne des Landes „Niedersachsen. Das ist groß.“ einzahlen.
Wo die Skalierung ins Stocken gerät
Wie groß die Lücke zwischen technologischer Innovation und industrieller Anwendung noch ist, wurde im ersten Panel „Mind the Gap“ deutlich. Eine zentrale Hürde: fehlende Infrastruktur. Gerade Startups stehen bei der Skalierung ihrer Technologien häufig vor der Frage, wo sie ihre Verfahren unter realistischen Bedingungen testen und weiterentwickeln können.

Für MicroHarvest-Gründer Justus Reich sind frei zugängliche Bioreaktoren und flexible Scale-up-Umgebungen deshalb entscheidend. Auch Finanzierung, technisches Know-how und die Bereitschaft, neue Lösungen auszuprobieren, seien notwendig. Frederike Reiners von GEA Group wiederum verwies auf die hohen Investitionen, die erforderlich sind, damit neue Technologien tatsächlich bis zur Marktreife gelangen.
Ein Blick nach Dänemark machte zugleich deutlich, wie wichtig langfristig aufgebaute Innovationsökosysteme sein können. Nicolaj Christoffersen vom Danish Technological Institute berichtete von Strukturen, in denen Startups Zugang zu Infrastruktur und spezialisierten Expert*innen erhalten. „Entscheidend ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der Unternehmen Technologien testen, scheitern und daraus lernen können.“
Auch Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützen – etwa durch digitale Zwillinge und schnellere Screening-Prozesse. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich: KI ersetzt die notwendige biologische und technologische Expertise nicht. Entscheidend bleibt die Verbindung von Daten, Technologie und Fachwissen.
Neue Wertschöpfung durch Zusammenarbeit
Im zweiten Panel „Innovation Ecosystems & Cooperation“ rückte die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Startups, Wissenschaft und Industrie in den Mittelpunkt. Michelle Spitzer (eco:fibr GmbH), Lothar Hövelmann (DLG e.V.) und Michel Finke (Universität Osnabrück, Hempilot) diskutierten darüber, wie neue Wertschöpfungsketten entstehen können.
Hövelmann verwies auf den Biogassektor als Beispiel dafür, dass Landwirte bereit sind, neue Geschäftsmodelle anzunehmen, wenn ein funktionierender Markt und ein konkreter wirtschaftlicher Nutzen vorhanden sind. Ziel müsse es sein, traditionelle Strukturen mit Innovationen zu verbinden und konkrete Herausforderungen mit Startups zusammenzubringen.
Wie das aussehen könnte, demonstrierte Michelle Spitzer am Beispiel ihres Unternehmen eco.fibr. Das Startup treibt die Wiederverwertung von Rest-Biomasse aus der Ananasproduktion voran. Die so gewonnenen Pflanzenfasern bieten eine nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Holzzellstoffen, ohne dass Baumbestände abgeholzt werden. Die Schwierigkeit bestehe jedoch darin, in Quellländern wie Costa Rica und Sri Lanka, wo die Biomasse anfällt, verlässliche Infrastrukturen zu etablieren.
Auch Michel Finke betonte die Bedeutung dezentraler Verarbeitungsstrukturen und attraktiver Marktchancen für landwirtschaftliche Betriebe: „Neue Wertschöpfungsketten funktionieren nur dann, wenn sie auch für die Landwirtschaft wirtschaftlich interessant sind.“

Zwischen Technologie und Markt: Die „Valley of Death“
Dass eine technologisch ausgereifte Lösung allein noch keinen Markterfolg garantiert, verdeutlichte das dritte Panel unter dem Leittitel „Technology Readiness is not enough – Bridging the Valley of Death and de-risking first-of-a-kind projects“. Die Panelisten Katrien Swerts (Rabo Investment), Stefan Schwarz (KWS Group), Prateek Mahalwar (Bioweg) und Andreas Recklingloh (Rentenbank) debattieren über Finanzierung, Marktzugang und die Risiken beim Aufbau erster industrieller Anlagen.
Gerade bei den ersten industriellen Anlagen treffen technologische und finanzielle Risiken aufeinander. Hinzu kommt eine entscheidende Frage: Gibt es überhaupt einen Markt für das Produkt? Andreas Recklingloh von der Rentenbank plädierte deshalb dafür, potenzielle Kund*innen möglichst früh in die Entwicklung einzubeziehen.

Auch die Marktakzeptanz wurde als zentrale Herausforderung benannt. Neue biobasierte Lösungen müssen sich gegen etablierte Verfahren behaupten – und dabei wirtschaftlich konkurrenzfähig sein. Swerts sieht in der Reformresistenz vieler Unternehmen eine Schwierigkeit: „Es braucht eine größere Bereitschaft, Risiken einzugehen und diese gemeinsam zu tragen.“
Mahalwar verwies auf die bislang begrenzte Bereitschaft vieler Landwirte, höhere Kosten für biobasierte Verfahren zu tragen. Dadurch sehe er die Bioökonomie zusätzlich mit der Herausforderung konfrontiert, wettbewerbsfähige Marktpreise anzubieten, um eine breite praktische Umsetzung zu ermöglichen.
Trotz aller Hürden überwog am Ende des Panels der Optimismus. Es gebe Kapital, wenn auch nicht immer dort, wo Startups es zunächst suchen. Und die wachsende Bedeutung von Resilienz könne der Bioökonomie zusätzlichen Rückenwind geben. Die Botschaft: „Die Zeit zum Handeln ist jetzt.“
Vom Diskutieren zum Handeln
In den anschließenden Workshops ging es darum, die diskutierten Herausforderungen in konkrete Lösungsansätze zu übersetzen. Der Workshop zu Panel 1 nahm die Infrastruktur für das Scale-up in den Blick und diskutierte, ob es tatsächlich an Angeboten fehlt oder vielmehr an deren Sichtbarkeit und Zugänglichkeit. Als Ansätze wurden eine bessere Koordination des Bioökonomie-Ökosystems sowie der gezielte Ausbau von Kompetenz-Hubs für Schlüsseltechnologien genannt. In Workshop 2 widmeten sich die Teilnehmenden den landwirtschaftlichen Rest- und Nebenströmen, neuen Kulturpflanzen und der Frage, wie attraktive Geschäftsmodelle für Landwirte entstehen können. Im dritten Workshop entwickelten die Teilnehmenden erste Ideen für eine stärkere Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, mehr Expertenwissen in politischen Entscheidungsprozessen und eine größere Sichtbarkeit erfolgreicher Beispiele.
Am Ende des Nexus Bioeconomy RootCamp 2026 stand damit eine Erkenntnis, die sich durch nahezu alle Diskussionen zog: Die Technologien für eine biobasierte Wirtschaft entstehen bereits. Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, die Voraussetzungen für ihre Anwendung zu schaffen. Dafür braucht es offene Infrastruktur, Investitionen, funktionierende Märkte, verlässliche politische Rahmenbedingungen sowie Kooperationen – über Branchen- und Ländergrenzen hinweg.
So wurde der Nexus Bioeconomy RootCamp 2026 seinem Namen gerecht: Nicht nur über die Bioökonomie sprechen, sondern die unterschiedlichen Akteur*innen miteinander vernetzen, konkrete Herausforderungen benennen und gemeinsam erste Wege in Richtung Umsetzung entwickeln.
Weitere Eindrücke vom Nexus Rootcamp 2026

















