LINGA Wochen 2026: Jung für alt – aus der Theorie in die Praxis
Studierende aus Niedersachsen entwickeln Website, Pflege-Startbox und digitale Plattform, die pflegenden Angehörigen den Lebensalltag erleichtern.
57 Studierende aus vier Hochschulen, neun Fachrichtungen von sozialer Arbeit und Pflege über Architektur bis hin zu Wirtschaftsinformatik, zehn Teams, drei Sieger, ein Motto: „PfleGemeinsam – Pflegende An- und Zugehörige entlasten sowie Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ermöglichen“. Ein Thema, das die Menschen in Niedersachen quer durch die Gesellschaft betrifft. Die interdisziplinären Studierenden-Teams bei den diesjährigen LINGA Wochen hat es dazu angespornt, gute und innovative Lösungen sowie kreative Produktideen zu finden, um die Lebensqualität von Senior*innen und deren pflegenden An- und Zugehörigen zu steigern. Immerhin sind deutschlandweit derzeit rund 5 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon werden rund 84 Prozent zu Hause versorgt, meist von Angehörigen und nahestehenden Personen. Die Mehrheit der 7,1 Millionen pflegenden Angehörigen und Nahestehenden ist gleichzeitig erwerbstätig. 50 Prozent der Teilzeitbeschäftigten haben die Arbeit wegen der häuslichen Care-Arbeit reduziert – mit allen Folgen, die das für spätere Rentenzahlungen haben kann.
Wie wichtig es ist, über Generationen hinweg zu denken und sich von jung bis alt gemeinsam mit allen Beteiligten auszutauschen, um Lösungen für die Alltagsprobleme zu finden, haben die LINGA Wochen wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und sie haben die Aufmerksamkeit auf pflegende Angehörige gelenkt, die eine tragende Säule unseres Systems sind – allerdings oft im Verborgenen.
Dass das Thema nicht nur eine hohe gesellschaftliche Relevanz hat, sondern schon junge Menschen bewegt, belegt die große Resonanz seitens der beteiligten Hochschulen: hochschule 21 Buxtehude, Universität Hildesheim, Universität Vechta und Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften aus Wolfenbüttel und Salzgitter. Mit 57 Studierenden war die Beteiligung deutlich höher als im Vorjahr. Die Teilnehmenden hatten sich erst zu Beginn der LINGA Wochen Anfang Mai kennengelernt und zu interdisziplinären Teams zusammengefunden, in denen jeweils die verschiedenen Fachrichtungen vertreten waren. Frank Leyhausen von der Reifegrad4 GmbH machte die Teams in einem Workshop zur nutzerzentrierten Innovation fit für die Themen Design Thinking, Inklusion, Pitch-Training und Geschäftsmodelentwicklung. Die Studierenden hatten dadurch das richtige Rüstzeug für die weiteren Programmpunkte im Stundenplan. Sie kamen mit Partner*innen aus Landkreis, Stadt, Selbsthilfe, Pflegeeinrichtungen, Arbeitgeberverband und Wirtschaftsförderung sowie Senior*innen und Angehörigen aus dem Landkreis Lüneburg zusammen. Die Herzen für das Thema hatte beim Auftakt Kornelia Schmid, Vorsitzende des Vereins “Pflegende Angehörige” aus Amberg geöffnet und bei den Studierenden echtes Interesse für die vielen Herausforderungen geweckt. Einen besonderen Stellenwert hatten für sie alle die Generationendialoge, bei denen Herausforderungen identifiziert und Impulse von Mentor*innen und Betroffenen aufgenommen wurden – kurz: Es wurde über den Tellerrand hinausgeschaut. Dabei spielten sowohl die Perspektive der Angehörigen eine Rolle als auch die der Arbeitgeber. Kommt es plötzlich zu einer Pflegesituation, fühlen sich Angehörige ohnehin schon häufig überfordert und nicht ausreichend informiert über die notwenigen Schritte und Hilfsangebote. Sind sie zusätzlich (voll) berufstätig und haben eine Familie zu versorgen, drohen häufig die emotionale und psychische Erschöpfung, weil es ihnen nicht gelingt, alles miteinander zu vereinen. Das rückt auch in den Unternehmen zunehmend in den Fokus, wenn daraus Fehlzeiten der dringend benötigten Fachkräfte werden. Umso wichtiger, dass pflegende Angehörige besser sichtbar und entlastet werden und Arbeitgeber Wege finden, ihre Mitarbeitenden zu unterstützen. Genau das war die Aufgabenstellung für die Studierenden: Die Nachwuchs-Forschenden arbeiteten gut zwei Wochen lang an ihren innovativen Lösungen und entwickelten ganz unterschiedliche Herangehensweisen, diese Probleme zu lösen. Zum Abschluss der LINGA Wochen präsentierten sie ihre Vorschläge in siebenminütigen Pitches vor einer fünfköpfigen Fachjury.
Die Jury, bestehend aus Dagmar Hirche (Vorständin von Wege aus der Einsamkeit e. V.), Stephan Kassel (Referatsleiter 304 Familienpolitik, Seniorenpolitik, bürgerschaftliches Engagement, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung), Harald Sommerfeld (Vorsitzender Landesseniorenrat Niedersachsen e.V.), Yvonne Hobro (Erste Kreisrätin und Sozialdezernentin, Landkreis Lüneburg) sowie Wiebke Krohn (stv. Hauptgeschäftsführerin, Arbeitgeberverband LüneburgNordostniedersachsen e. V.), stellte gezielte Fragen zu Marketing, Finanzierung, Umsetzbarkeit und Skalierung. Schließlich wurden die drei besten Lösungsvorschläge ausgezeichnet und erhielten ein Preisgeld vom Arbeitgeber-Verband Lüneburg-Nordostniedersachsen e. V.
Die Sieger der LINGA Wochen 2026

1. Platz: PflegeBrücke Lüneburg 1.500 €
Das Team hat eine Website entwickelt, über die man anhand weniger Fragen anonym, barrierefrei und kostenlos passgenaue Angebote für die persönliche Pflegesituation bekomm. QR-Codes zu der Seite sollen genau dort platziert werden, wo pflegende Angehörige unterwegs sind: in Apotheken, Arztpraxen, Krankenhäusern und Unternehmen. Zunächst für den Landkreis Lüneburg entwickelt, wäre das Projekt skalierbar und auf andere Landkreise übertragbar.
| Dominika | Urbanek | Ostfalia Hochschule | Soziale Arbeit | |
| Michelle | Grabowski | Universität Vechta | Gerontologie | |
| Stanislav | Hezei | Universität Vechta | Management sozialer Dienstleistungen | |
| Maja | Wiesselmann | Ostfalia Hochschule | Führung in Dienstleistungsunternehmen | |
| Wadia | Tahir | Universität Hildesheim | Wirtschaftsinformatik |
2. Platz: PflegeStart – 1.000 €
Die physische PflegeStart-Box soll den häufig unvorbereiteten Angehörigen im „Pflege-Schock“ schnell und einfach Hilfe leisten. Eine Was-Jetzt-Karte erklärt in fünf Schritten, was zu tun ist, ergänzt wird sie durch Notfallkarten, Vollmacht-Vordrucke, eine Pflegegrad-Antrag, ein Pflege-Tagebuch – und eine Website mit Chatbot-Funktion. Ausgegeben werden sollen die Boxen bei Apotheken, Arztpraxen und Krankenhäusern, also genau dort, wo pflegende Angehörige unterwegs sind.

| Justin | Matthesius | Ostfalia Hochschule | Soziale Arbeit | |
| Susan | Hermann | Hochschule21 | Pflege | |
| Niklas | Koopmann | Hochschule21 | Architektur | |
| Viktoria | Zoll | Universität Vechta | Management sozialer Dienstleistungen | |
| Ali | Mohammadi | Universität Hildesheim | Wirtschaftsinformatik | |
| Anastasiia | Kordes | Universität Vechta | Management sozialer Dienstleistungen |

3. Platz: spontio – 500 €
Pflegenden Angehörigen im Alltag mehr Freizeit verschaffen, und Pflegedienste effektiver auslasten, dieses Ziel hat spontio. Mithilfe der Anwendung sollen Zeitslots, die durch Leerläufe bei Pflegefahrten entstehen, gezielt an Hilfsbedürftige und deren Angehörige vermittelt werden – dank detaillierten Profilen und Bewertungssystem passgenau für beide Seiten. Erste Pflegedienste haben bereits Interesse bekundet.
| Bjorn | Bruggemann | Universität Vechta | Gerontologie | |
| Sinem | Ismail | Universität Vechta | Management sozialer Dienstleistungen | |
| Juna | Kiesel | Hochschule21 | Architektur | |
| Florian | Osterhues | Universität Vechta | Management sozialer Dienstleistungen | |
| Andrea | Bodenstein | Ostfalia Hochschule | Soziale Arbeit | |
| Fatemeh | Salimikordasiabi | Universität Hildesheim | Wirtschaftsinformatik |
Dies waren die weiteren Projekte:
curanet – betriebliche Vernetzung von Pflege & Beruf
ZwischenMenschen – persönliches Matching zur Entlastung
Alltag+ – App zur Organisation und Verteilung von Pflegeaufgaben
Die Gemeindekümmerin – Nachbarschaftshilfe digital verbinden
Redora – Zuhörtelefon & Gesprächsräume für Angehörige
CareConnect – generationenübergreifende Unterstützungsplattform
mit wissen stärken e. V. – lokale Vernetzung & Wissensaustausch
Abgesehen von der Prämierung waren die LINGA Wochen für die Studierenden eine gute Gelegenheit, abseits der Theorie an praktischen Problemen vor Ort zu arbeiten und Kompetenzen für ihr Berufsleben zu sammeln. Und bekanntermaßen entstehen die besten Innovationen, wenn man die Perspektive wechselt.
Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. Für Staatssekretärin Dr. Christine Arbogast bietet die Veranstaltung einen Mehrwert für alle Generationen und Partner: „Die diesjährigen LINGA Wochen haben gezeigt, wie aus Theorie ganz konkrete Unterstützung für die Praxis werden kann. Pflegende Angehörige leisten jeden Tag Enormes. Gleichzeitig stehen viele von ihnen vor der Herausforderung, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren. Deshalb brauchen wir kreative, praxisnahe Lösungen – und Menschen, die bereit sind, neue Wege zu denken. Ich danke deshalb allen Teilnehmenden für ihr beeindruckendes Engagement und wünsche weiterhin viel Inspiration und Erfolg bei ihrer wichtigen Arbeit.“
Lüneburgs Erste Kreisrätin Yvonne Hobro hatte bereits letztes Jahr in Vechta den Staffelstab vom damaligen kommunalen Partner entgegengenommen und sprach den Studierenden ihren Respekt und Dank für die Arbeit und innovativen Ideen aus: „Die Pitches haben gezeigt, dass Pflege Unterstützung und Sichtbarkeit braucht. Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind.“
Wiebke Krohn, stellv. Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeber-Verbands Lüneburg-Nordostniedersachsen betonte die Bedeutung von Empowerment und Business Education und beglückwünschte die Studierenden zur Entwicklung, die sie innerhalb von zwei Wochen vollzogen hätten „Alle Ideen haben das Potenzial, skaliert zu werden. Denn gute Ideen setzen sich immer durch. Nutzen Sie Förderangebote für soziale Innovationen und machen Sie weiter.“
So, wie die Lebensrealität von pflegenden An- und Zugehörigen nur durch gemeinsame Anstrengungen spürbar verbessert werden kann, geht auch bei den LINGA Wochen nichts ohne starte Partner*innen. Darum ein herzliches Dankeschön an den Landkreis Lüneburg, die Hansestadt Lüneburg, die Wirtschaftsförderung Lüneburg, den Arbeitgeberverband Lüneburg-Nordostniedersachsen e.V. und das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung für die Unterstützung bei der diesjährigen Veranstaltung. Yvonne Hobro hat zum Abschluss den Staffelstab an das LINGA Team abgegeben, das für 2027 nach einer austragenden Kommune sowie einem zukunftsweisenden Thema sucht. Bereits seit 2010 werden die LINGA Wochen alljährlich ausgetragen – und das aus gutem Grund!
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