Transformation im Kunststoff – Wie KB Hein Nachhaltigkeit und Vernetzung neu denkt
Gestatten, Michelangelo aus der Familie Turtle: Kopf, Panzer, Beine mit glänzender und matter, glatter und strukturierter Oberfläche, makellos geformt und zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff. Die Schildkröte, freundliches Maskottchen für Nachhaltigkeit, ist im Konstruktionsbüro Hein längst mehr als nur ein Demonstrator. Sie ist Symbol für Effizienz und Mut und Antwort auf die Frage, die in vielen mittelständischen Unternehmen mitschwingt: Wie gelingt Transformation, ohne die eigene Identität zu verlieren?
Um darüber zu sprechen, haben Niedersachsen.next Themenmanager Mobilität Dr. Mathias Rechel und Contentmanagerin Angela Sielaff die Brüder Alexander und Samir Hein in ihrem Büro in Neustadt am Rübenberge besucht. Zwischen Bauteilmustern und Spritzguß-Modellwerkzeug wird schnell klar: Dieses Familienunternehmen ist voller Ideen und hervorragend vernetzt.

Gründungsjahr: 1986
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 13
Marschstraße 25
31535 Neustadt am Rübenberge
Telefon: 05032 893791
E-Mail: info@kb-hein.de
Breit aufstellen, früh optimieren – und nie allein arbeiten
Gleich zu Beginn betont Alexander Hein, was den Wandel für ihr Unternehmen prägt: Breite statt Spezialisierung um jeden Preis. Hein konstruiert Werkzeuge und Bauteile für die Automobilindustrie, den Medizinbereich, Sicherheitstechnik, Elektronik und auch für die Spielzeugindustrie. Fast überall, sagt Alexander, seien heute Kunststoffbauteile im Einsatz – und ihre Expertise ist entsprechend gefragt.
Der Schlüssel dabei lautet: Probleme nicht erst lösen, wenn die Maschine steht. Mit dem Projekt „VORKON“ hat das Unternehmen ein Vorgehen etabliert, bei dem Bauteile in sehr frühen Entwicklungsphasen simuliert und optimiert werden. Fehler, die später teuer würden, ließen sich so vermeiden, erklären sie. Bindenähte, falsche Einspritzpunkte, zu große Wandstärken – typische Stolpersteine in der Produktentwicklung – werden im Idealfall verhindert, bevor sie überhaupt entstehen.
Samir Hein beschreibt es so: „Viele Probleme treten erst in der Musterung auf. Aber sie entstehen viel früher – beim Design.“ Genau hier sehen die Heins ihre Stärke: Jahrzehntelang gesammeltes Wissen aus der Werkzeugkonstruktion fließt direkt in die Produktentwicklung ein.
IsoForm: Energie sparen durch kluge Konstruktion
Die Brüder erzählen von IsoForm, ihrem eigenen Werkzeugkonzept, das nicht nur Bauteilqualität verbessert, sondern auch deutlich Energie spart. Der Clou dabei: Nur der konturgebende Bereich wird gezielt temperiert, der Rest bleibt kühl. Dadurch heizen Werkzeuge schneller auf, benötigen weniger Energie und kühlen rascher wieder ab.
Die Vorteile dabei zeigen sich in geringeren Zykluszeiten, niedrigeren Energiekosten, weniger Verschleiß und stabileren Produktionsprozessen. Hier kommt wieder Michelangelo ins Spiel. Die Schildkröte wurde im Rahmen eines Kooperationsprojekts gebaut, bei dem Unternehmen KraussMaffei Technologies, Contura MTC, Simpatec, Formconsult und Elix Polymers gemeinsam mit dem Konstruktionsbüro Hein an einem Ziel gearbeitet haben: Das Projekt Turtle zeigt, dass hochwertige Produkte aus Kunststoffrezyklaten problemlos möglich sind – und energieeffizient hergestellt werden können. Diese Botschaft richtet sich vor allem auch an die Automobilindustrie, die in Niedersachsen prägender Wirtschaftsfaktor ist.
Transformation braucht Vernetzung
Es ist ein Thema, das während des gesamten Gesprächs immer wieder auf den Tisch kommt: Vernetzung. Für ein kleines Unternehmen wie Hein – gerade einmal 13 Mitarbeitende – ist sie entscheidend. Die Heins kooperieren mit Instituten der Leibniz Universität Hannover, darunter dem LZH, IPH, PZH und dem IKK. Die Zusammenarbeit reicht von der Entwicklung neuer Technologien bis zu Forschungsprojekten rund um Nachhaltigkeit und effiziente Produktion.
Und auch innerhalb der Branche setzt das Konstruktionsbüro auf Austausch. Ihr Technologietag, den es seit 28 Jahren ausrichtet, vernetzt die komplette Wertschöpfungskette der Kunststoffverarbeitung – von Materialherstellern über Werkzeugbauer bis zu Maschinenbauern.
„Wenn Experten zusammenkommen, ist noch nie nichts dabei herausgekommen“, sagt Alexander Hein. Dieser Satz fasst gut zusammen, was ihn und sein Unternehmen antreibt: Gemeinsam lässt sich Transformation leichter gestalten als allein. Bescheiden und selbstbewusst sagt Samir Hein, dass sie als Hidden Champion gelten, der viel bewirkt – ohne großes Marketingbudget.
Was sie einzigartig macht? Die Kombination aus Familienbetrieb, hoher Fachkompetenz und flachen Hierarchien, die Fähigkeit, komplexe Prozesse ganzheitlich zu denken und der Wille, Wissen aktiv zu teilen. Transformation ist also vor allem auch eins: Eine Haltung.
Michelangelo, die Schildkröte, klemmt jetzt wieder im Spritzguß-Modellwerkzeug. Ihre mit Filzstift aufgemalte Brille zeigt, sie ist hellwach, und weist still darauf hin: Wer langsam, aber beständig vorausgeht – gut vernetzt, mutig und mit klarem Ziel –, kommt manchmal besser voran als die Schnellsten.
„Ich habe es bis jetzt noch nicht erlebt, dass, wenn Fachexperten aufeinandertreffen, nichts bei rauskam. Nur gemeinsam können wir unseren Markt stärken. Wir wollen früh genug optimieren. Sobald ein 3DTeil vorliegt, simulieren und optimieren wir, um frühzeitig zu verbessern, was nachher nicht mehr möglich ist. Mit unserer IsoForm-Methode für den Kunststoff-Spritzguß ist man deutlich schneller auf Verarbeitungstemperatur, kann die Prozesstemperatur effizienter halten und auch das Runterkühlen geht schneller. Man spart enorm viel Energie ein.“
– Alexander und Samir Hein
Mit Michelangelo demonstrieren Alexander Hein und Samir Hein ihre Unternehmensphilosophie, zeigen wie Zusammenarbeit und Vernetzung funktionieren, welche Vorteile ihre technologischen Entwicklungen VORkon und IsoForm bringen und haben so ein Symbol geschaffen – für Effizienz und Mut














