Barrierefreie Webseiten: Wie Unternehmen und Organisationen davon profitieren

Pflicht und Chance zugleich und vor allem eine Haltung

Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG): Digitale Angebote müssen so gestaltet sein, dass alle Menschen sie nutzen können. „Es geht um gesellschaftliche Teilhabe“, erklärt Anja Harport, Leiterin des Kompetenzzentrums Digitale Barrierefreiheit beim IT-Dienstleister Adesso im Podcast „Digital Gedacht“ der Niedersachsen.next Digitalagentur. Der Begriff „barrierefrei“ sei dabei irreführend – besser spreche man von „zugänglich“. 

Die Umsetzung ist komplex. „IT-Produkte entstehen nicht im Hinterzimmer“, so Harport. Designer*innen, Entwickler*innen und Redakteur*innen müssten gemeinsam denken, wie Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen oder Nutzungspräferenzen digitale Angebote bedienen. Sensibilisierung sei der Schlüssel. 

Nicole Bongartz, Produktverantwortliche der Webseite des Versicherers DEVK, berichtet aus der Praxis: „Wir haben mit Basisarbeit begonnen – Kontraste, Schriftgrößen, alternative Texte. Aktuell beschäftigen wir uns mit Screenreadern und der Auszeichnung von Icons.“ Audits und die Zusammenarbeit mit einem Entwickler mit Einschränkungen hätten wertvolle Erkenntnisse gebracht. Ihr Tipp: „Pakete schnüren – kleine, gut bearbeitbare Schritte.“ 

Glaubwürdigkeit und Reputation dank Barrierefreiheit

Juristisch ist das Thema klar geregelt. „Das Gesetz setzt den European Accessibility Act um“, erläutert Rechtsanwalt Dr. Björn Bogner von KSB Intax aus Hannover. Es gilt für Webseiten, Apps und digitale Dienstleistungen – auch für Vertragsabschlüsse online. Verstöße können Bußgelder bis 100.000 Euro nach sich ziehen. „Aber es geht nicht nur um Regulierung, sondern um Haltung“, betont Bogner. Unternehmen, die Barrierefreiheit leben, stärken ihre Glaubwürdigkeit und Reputation. 

Warum lohnt sich das Engagement? Harport nennt wirtschaftliche Vorteile: „Wer digitale Produkte für alle zugänglich macht, kann analoge Parallelangebote reduzieren und Kosten sparen.“ Zudem profitieren alle Nutzer von besserer Usability. Statistisch sind 80 Prozent der Behinderungen unsichtbar, nur 2 Prozent angeboren – Einschränkungen betreffen im Laufe des Lebens fast jeden. 

Die DEVK sieht Barrierefreiheit als Reise. „Wir sind nicht bei 100 Prozent“, sagt Bongartz. „Aber wenn Nutzer mit Einschränkungen uns spiegeln, dass sie unsere Seite gut bedienen können, ist das das größte Kompliment.“ 

Fazit: Barrierefreiheit ist Pflicht – und eine Chance, digitale Angebote inklusiv, nutzerfreundlich und zukunftssicher zu gestalten.

Mehr dazu hören Sie in der neuen Podcast-Folge der Reihe „Digital gedacht“ – mit den Expert*innen von DEVK, Adesso und KSB Intax, moderiert von Angela Sielaff von Niedersachsen.next.

Zwei Frauen lächeln in Richtung der Kamera.

Pflegende Angehörige zwischen Beruf und Betreuung und wie IT helfen kann

Bei unserem Veranstaltungsformat „LINGA konkret“ stand im Juni 2025 alles im Zeichen der pflegenden Angehörigen – einem Thema, das nicht nur viele Menschen persönlich betrifft, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich von immer größerer Bedeutung ist.

Unter dem Titel „Pflegende Angehörige zwischen Beruf und Betreuung“ beleuchtete der Workshop bei unserem Projektträger Niedersachsen.next Herausforderungen und Perspektiven für Menschen, die Arbeit und Pflege miteinander vereinbaren. Den Auftakt machte LINGA Projektleiterin Delia Balzer mit einer Einführung in das Thema, um gemeinsam Anknüpfungspunkte für die interdisziplinären, studentischen LINGA Wochen 2026 zu setzen.

Prof. Dr. med. Barbara Zimmermann von der hochschule 21 in Buxtehude forderte in ihrem Impuls-Vortrag konkrete Lösungen „im Hier und Jetzt“, für Betriebe wie auch für Pflegende. Sie machte deutlich, dass Prävention und „mehrgleisige Lösung“ ganz zentral für aktuelle und zukünftige Herausforderung sind. Bis 2040 werde die Zahl der Pflegebedürftigen um 45 Prozent zunehmen. Dabei müsse der Blick auch auf die heterogene Gruppe der Pflegenden geschärft werden, denn Jugendliche pflegen ihre Eltern, oder Großeltern gleichermaßen und an kultursensiblen Angeboten fehlt es, trotz steigenden Anteiles an Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft. Besonders wichtig seien, so das Fazit von Prof. Zimmermann:

  • Prävention zu forcieren, um Pflegebedürftigkeit prozentual zu senken (Sport und Bewegung sind sehr wichtig),
  • Unternehmen zu informieren und für das Thema „Vereinbarkeit“ fit zu machen sowie
  • pflegebezogene Bildungssysteme in den ländlichen Räumen zu stärken.

Mehr Sicherheit oder neue Ungleichheit?

Dr. Sarah Hampel vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) setzte sich kritisch mit Verantwortungsmodellen auseinander. Unter dem Titel „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege im neuen Verantwortungsmix – mehr Sicherheit oder neue Ungleichheit?“ lenkte sie den Blick auf Gerechtigkeit und Systemfragen in Hinblick auf Vereinbarkeit. Das Nachbarland Nordrhein-Westfalen bietet für Unternehmen die Plattform „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“ an. Es unterstützt Unternehmen dabei, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für die Beschäftigten mit Pflegeverantwortung zu verbessern und gleichzeitig deren weitere Tätigkeit im Unternehmen als Fachkräfte zu sichern. Das Landesprogramm vernetzt Betriebe zudem mit der Pflegeinfrastruktur vor Ort und bildet z.B. betriebliche Pflege-Guides aus.

Hilfe zur Selbsthilfe

Christiane Hüppe brachte als Vorständin von „wir pflegen“, der Interessenvertretung pflegender Angehöriger in Niedersachsen e.V., die Perspektive der Selbsthilfe ein. Ihr Beitrag über die Arbeit und Anliegen pflegender Angehöriger in Niedersachsen zeigte, wie wertvoll gemeinschaftliches Engagement und die Hilfe zur Selbsthilfe ist. Gemeinsam mit verschiedensten Partnern organisiert der Verein „wir pflegen!“ vom 6. bis 12.10.2025 die 1. Aktionswoche der pflegenden Angehörigen in Niedersachsen unter dem Motto Pflege geht uns alle an.

Unser herzliches Dankeschön geht an alle Referentinnen für ihre spannenden Beiträge und an alle Teilnehmenden für den offenen und intensiven Austausch. Wir freuen uns jetzt schon darauf, bei den LINGA Wochen 2026 mit dem Landkreis Lüneburg die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unter dem Thema „Pflegende Angehörige“ in den Fokus zu rücken!


Hören Sie rein in unseren Podcast

Thema: Informationstechnologie für sorgende Angehörige

Einkaufen, Arztbesuche, Bankgeschäfte, Notfallhilfe – die Alltäglichkeiten, wobei fürsorgende Angehörige ältere Menschen unterstützen, sind facettenreich. Im Idealfall ist die Hilfe auf mehrere Schultern verteilt oder/und es gibt „Sorgearrangements“. Wie kann hier die moderne Informationstechnologie helfen? Das erforscht Professor Dr. Anne Meißner von der Universität Hildesheim am Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik im neuen Bereich „Informationstechnologie für die sorgende Gesellschaft“.

Im Gespräch mit Niedersachsen.next nennt sie als bewährtes Beispiel ein Tablet mit Apps – z.B. für Videoanrufe oder Textnachrichten. Voraussetzung: damit umzugehen wurde geübt und die Technik erfüllt bedarfsgerecht das, was sie verspricht. Aber auch für diejenigen, die Fürsorge übernehmen, finden in der Informationstechnologie z.B. eine Möglichkeit, sich mit Menschen in ähnlicher Situation auszutauschen.

Eine Moderatorin und ein Gesprächspartner in einem Podcast Studio

„Für alle, die Bock darauf haben“

In dieser Folge von Digital Gedacht, dem Podcast der Niedersachsen.next Digitalagentur, widmen wir uns dem Thema Fachkräftegewinnung, insbesondere für Tech–Berufe. Henrike Lüssenhop spricht mit Max Reinhardt, dem Head of Marketing & PR bei der Programmierschule 42 Wolfsburg. Die Schule hat sich als Ziel gesetzt, technische Ausbildung für alle zugänglich zu machen. Was dafür notwendig ist, welche Barrieren dabei überwunden werden und wie Unternehmen die nächste Generation von Innovatoren für sich gewinnen können, darüber sprechen sie in dieser Folge. 

Die Programmierschule 42 Wolfsburg hat sich auf die Fahne geschrieben, die bekannten Grenzen der Softwareausbildung einzureißen. Die Hochschule ist für alle ab 18 Jahren möglich, unabhängig vom Bildungshintergrund. Bewerben können sich alle, „die Bock darauf haben“, sagt Reinhardt. 

Keine Abschlüsse? Keine Sprachkenntnisse? Kein Problem!

Auch wir bei Niedersachsen.next beschäftigen uns eingehend mit dem Thema Fachkräftegewinnung. Wir bemühen uns in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Landesregierung um Kooperationsvereinbarungen mit internationalen Partnern. Auf diese Abkommen sollen dann konkrete individuelle Projekte folgen, die mit Unternehmen und Hochschulen in Niedersachen sowie den Partnerländern konzeptioniert und initiiert werden. Dass fehlende Abschlüsse oder auch Sprachkenntnisse keine Hemmnisse darstellen, ist eine wichtige Voraussetzung für einen niedrigschwelligen Zugang zur Ausbildung und für die Gewinnung neuer Fachkräfte. Wie 42 Wolfsburg dieses Thema angeht, schildert Reinhardt im Interview. 

Software Engineering für alle

Im Gespräch wird deutlich, wie die Ausbildung des „Software Engineerings für alle“ genau aussieht, wie sie im sogenannten „Peer Learning“ vermittelt wird und was den Unterschied zu anderen Bildungseinrichtungen ausmacht. „Was das Community-Leben angeht, ist bei uns sehr viel Freiheit gegeben. Außerdem zieht sich die Grundbasis an Respekt durch unser gesamtes Studium“, so Reinhardt. 
Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist ein Thema. Wie sehen die Lehrpläne der Zukunft aus, wenn KI Software schreiben kann? Ähnlich wie beim gesamten Ausbildungskonzept von 42 Wolfsburg plädiert Reinhardt auch bei den Bildungsinhalten dafür, mutig zu sein, denn: 

„Insbesondere beim Software-Engineering musst du Fehler machen, um daraus zu lernen. Das wird dir später im Berufsleben auch passieren.“

Weitere Infos zum Ausbildungskonzept von 42 Wolfsburg gibt es auf https://42wolfsburg.de/.   

Bei weiteren Fragen zu diesem Thema sprechen Sie uns gerne an.

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