Automotive trifft Verteidigung: Neue Chancen zwischen Transformation und Sicherheitsbedarf
Steigende Verteidigungsausgaben, struktureller Wandel und wachsender Druck auf die Automobilindustrie: Die Veranstaltung „#Digital120 Automotive meets Defence“ zeigte, warum die Sicherheits- und Verteidigungsbranche zunehmend als Diversifizierungspfad für Unternehmen in Niedersachsen in den Fokus rückt – und wo die Herausforderungen liegen.
Ein Markt im Aufbruch – mit langfristiger Perspektive
Die europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie steht vor einem grundlegenden Wachstumsschub. Hintergrund sind steigende geopolitische Spannungen und politische Zielsetzungen: Nato-Mitglieder in Europa wollen ihre Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Das bedeutet einen Anstieg von derzeit rund 381 Milliarden Euro (2025) auf etwa 635 Milliarden Euro, wie Johst Schuhmacher, Fachbereichsleiter Mobilität, einleitend erläuterte.
Die Auswirkungen sind deutlich spürbar: 2024 erzielte die europäische Verteidigungsbranche einen Umsatz von rund 183 Milliarden Euro, was ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Die Beschäftigung stieg im gleichen Zeitraum um 9 Prozent auf etwa 633.000 Arbeitsplätze. Dabei handelt es sich nicht um ein kurzfristiges Konjunkturprogramm, so Schuhmacher, sondern um einen politisch gewollten, langfristigen Marktaufbau. Die zentrale Herausforderung liege daher weniger in der Nachfrage als vielmehr im Ausbau der Produktions- und Lieferkapazitäten. Die Branche wächst derzeit schneller, als sie produzieren kann.
Automotive unter Druck – Defence als ergänzender Weg
Parallel befindet sich die Automobilindustrie in einer tiefgreifenden Transformation: steigender Wettbewerbsdruck, rückläufige Nachfrage und notwendige Kapazitätsanpassungen prägen die Lage. In diesem Spannungsfeld wird die Verteidigungsindustrie zunehmend als möglicher Diversifizierungspfad diskutiert. Die Voraussetzungen sind vielversprechend: Automotive-Kompetenzen – etwa in Mechanik, Elektronik, Software oder Produktion – sind auch im Defence-Bereich gefragt. Erste Signale kommen aus der Industrie selbst: Unternehmen prüfen Kooperationen, um ihre Position im Verteidigungsmarkt auszubauen. Dennoch bleibt ist klar:
Defence ist kein Ersatz für die Automobilindustrie, sondern eine Ergänzung. Zwar können Umsatzeinbußen teilweise kompensiert und Arbeitsplätze gesichert werden, das Volumen der Automotive-Branche wird jedoch nicht erreicht.
Innovation aus der Praxis: „Truppe trifft Innovation“
Wie eng Bedarf und Innovation in der Verteidigung verzahnt sind, zeigte der Beitrag von Dominique Gußmag vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr und Hauptmann Oskar Hayduk vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). In enger Zusammenarbeit entstehen Lösungen direkt aus den konkreten Herausforderungen von Soldatinnen und Soldaten.
Der Ansatz:
- Bottom-up-Innovation: Ideen entstehen in der Truppe und werden gezielt weiterentwickelt.
- Schnelle Umsetzung: Innerhalb eines Jahres können Projekte von der Idee in die Anwendung gelangen.
- Frühe Einbindung von Unternehmen und Start-ups: Neue Technologien werden unter realen Bedingungen getestet und skaliert.
Besonders deutlich wurde der Nutzen am Beispiel des Projekts „YARDED“, einer Softwarelösung zur logistischen Planung militärischer Verlegungen. Entwickelt aus einem konkreten Bedarf heraus, wurde das System in enger Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Start-ups und Innovationseinheiten iterativ verbessert – inklusive Live-Updates im Übungsbetrieb. Das Ergebnis: effizientere Abläufe, weniger Fehler und eine praxistaugliche Lösung, die sogar eine NATO Innovation Challenge gewann.
Komplexe Marktbedingungen und hohe Einstiegshürden
Trotz der Chancen bleibt ein Einstieg in die Verteidigungsbranche anspruchsvoll. Unternehmen sehen sich mit spezifischen Rahmenbedingungen konfrontiert, wie z.B. langwierigen Beschaffungsprozessen (im Extremfall bis zu 4,5 Jahre), strengen regulatorischen Anforderungen (z. B. Datenschutz, Geheimschutz, Exportkontrollen), finanziellen Herausforderungen durch lange Projektlaufzeiten und Vorfinanzierung sowie Zertifizierungen und Sicherheitsprüfungen
Zudem unterscheidet sich die Logik des Marktes grundlegend vom Automotive-Sektor. Während dort Innovationszyklen von fünf bis sieben Jahren üblich sind, reichen diese im Defence-Bereich von 20 bis 40 Jahren. Das habe erhebliche Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, Finanzierung und Produktionsplanung.
Einstiegspfade: Von Komponenten bis Kooperation
Die Analyse des Automotive Netzwerks „automotive thüringen“ zeigt, dass es verschiedene Wege in den Verteidigungsmarkt gibt:
- Zulieferpfad: Nutzung bestehender Kompetenzen und Technologien (z. B. Mechanik, Elektronik, Software)
- Kooperationspfad: Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, um Risiken zu teilen und Referenzen aufzubauen
- Finalproduktpfad: Entwicklung eigener Systeme mit höherer Wertschöpfung
Besonders relevant ist dabei das Thema Dual Use, so Geschäftsführer Rico Chmelik. Viele Technologien lassen sich sowohl zivil als auch militärisch nutzen. Für zahlreiche Unternehmen sei dies bereits gelebte Praxis.
Förderung und Unterstützung im Wandel
Auch die Wirtschafts- und Investitionsförderung reagiert auf die Entwicklung. Programme wie das Innovationsförderprogramm (IFP) des Landes Niedersachsen bieten gezielte Unterstützung – etwa für Forschung und Entwicklung neuer Produkte oder Verfahren, neuerdings auch für kritische Technologien im Bereich Verteidigung. Wenn diese in sogenannten Übergangsregionen (wie im Nordosten Niedersachsens) entwickelt werden, sind höhere Förderquoten möglich, erläuterte Max Verdick, Förderberater der niedersächsischen Investitions- und Förderbank NBank.
Darüber hinaus entstehen neue Netzwerke und Plattformen. Dr. Joachim Algermissen, Abteilungsleiter, Sicherheit und Verteidigung bei den Unternehmerverbänden Niedersachsen (UVN) stellte das Rüstungscluster Niedersachsen vor, dessen Clustermanager er ist: Es bringt Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Politik zusammen, um Wissenstransfer und Kooperationen zu fördern. Mit über 500 Akteuren zeige sich: Das Interesse ist groß, der Bedarf an Orientierung ebenso.
Zwischen Aufbruch und Realismus
Die #Digital120-Veranstaltung machte deutlich: Die Verteidigungsbranche bietet erhebliche Wachstumspotenziale und neue Marktchancen – insbesondere für mittelständische Unternehmen. Gleichzeitig gilt es, realistisch zu bleiben. Ein Einstieg erfordert tiefes Verständnis der Marktmechanismen, langfristige Planung, Anpassung an neue regulatorische und technische Anforderungen. Oder, wie es ein Referent formulierte: „Die Kompetenz aus dem Automotive-Bereich passt – die Spielregeln nicht.“
Fazit: Große Chancen – aber kein Selbstläufer
Die Transformation eröffnet der Industrie neue Perspektiven. Eine stärkere Verzahnung von Automotive und Defence kann Innovationen beschleunigen, Wertschöpfung sichern und Arbeitsplätze stabilisieren. Doch klar ist auch: Der Schritt in die Verteidigungsindustrie ist kein kurzfristiger Ausweg, sondern ein strategischer Prozess. Die Chancen sind da – wer sie nutzen will, braucht Orientierung, Partner und Ausdauer.
Die Präsentationen zum Download
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